Das keltische Jahresrad mit seinen vier Sonnen- und vier Mondfesten

Für die Kelten – wie übrigens für viele Naturvölker – verlief die Zeit in Kreisen. Der kleinste Kreis war der Tag, und folgt man dem Sonnenlauf vom Sonnenaufgang bis zu ihrem Untergang, ist diese runde Vorstellung von Zeit nur allzu verständlich. Der Mondphasenzyklus war die nächstgrößere runde Zeiteinheit, und darauf folgte der Jahreskreis. Alle drei Kreise sind nicht nur abstrakte Zeiteinheiten wie unsere Minuten und Stunden, sondern haben ein Äquivalent in der Natur bzw. am Himmel. Auch die Daten für die keltischen Jahreskreisfeste lassen sich ganz einfach vom Himmel ablesen. Die vier keltischen Sonnenfeste finden zu den Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen statt, die vier Mondfeste orientieren sich an den Voll- und Neumonden im Jahr.
Yule
zur Wintersonnwende am 21./22. Dezember
Das keltische Yulfest wird rund um die Wintersonnenwende gefeiert, zur längsten Nacht im Jahr. Es markiert den Wendepunkt des Jahres, an dem die Sonnenbahn wieder aufzusteigen beginnt, das Licht neu geboren wird und die Tage wieder länger werden. Traditionell werden in dieser Nacht Feuer entzündet, immergrüne Zweige als Symbole des ewigen Lebens verwendet und die Rückkehr des Lichts mit Festen gefeiert. Viele Bräuche des heutigen Weihnachtsfestes – wie Kerzenlicht, Tannengrün oder der Hirsch (das keltische Sonnentier) – haben ihren Ursprung in den alten Mittwintertraditionen.Imbolc
zum 2. Vollmond nach Yule
Imbolc markiert den Übergang vom Winter zum nahenden Frühling. Es steht für die wachsende Kraft des Lichts etwa 40 Tage nach der Wintersonnenwende. Das Fest ist eng mit der keltischen Göttin Brigid verbunden, die für Fruchtbarkeit, Heilung, Inspiration und Handwerkskunst steht. Traditionell wurden an diesem Tag Kerzen entzündet und Häuser gereinigt, um Licht und neues Leben willkommen zu heißen. Außerdem soll es üppige Gelage gegeben haben, bei denen sehr ausgelassen gefeiert und mit viel Lärm der Winter vertrieben wurde. Imbolc war ursprünglich ein Reinigungsfest. Der Name hat zwei Bedeutungen: Vom altirischen „imb-folc“ hergeleitet, wird er mit "Rundum-Waschung" übersetzt. Das ebenfalls altirische "i mbolc" heißt "im Bauch" und bezieht sich sowohl auf die Lämmer, die alljährlich im Februar geboren werden (und Anfang Februar noch im Bauch der Mutter sind), als auch auf die Pflanzen, die bereits unter der schmelzenden Schneedecke (also im Bauch von Mutter Erde) zu keimen beginnen. Wegen der steigenden Temperaturen aß man einst alle Winter-Vorräte, die an Imbolc noch vorhanden und nicht bereits verdorben waren, auf einen Schlag auf. Das, was jetzt nicht gegessen wurde, drohte dann ohnehin binnen kürzester Zeit zu verfaulen. Was folgte, war eine naturgegebene Fastenzeit. Um nun wieder auf den Reinigungs-Charakter von Imbolc zurückzukommen: Erst wurden die Vorratskammern geleert und gereinigt, dann wurde der Körper beim Fasten geleert und gereinigt. Auch die anderen Namen für diesen Monat – Februar und Hungermond – weisen auf diese Qualitäten hin.Ostara
zur Frühlings-Tagundnachtgleiche um den 22. März
Im keltischen Jahresrad gehört Ostara zu den vier Sonnenfesten, während Ostern im Christentum das einzige Mondfest ist und am ersten Wochenende nach dem ersten Vollmond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche gefeiert wird. Ob es das Fest Ostara tatsächlich schon bei den Kelten gegeben hat, ist umstritten – genauso wie die Existenz einer keltischen oder germanischen Göttin namens Ostara. Unsere Oster-Symbole sind trotzdem uralt: Rot gefärbte Eier stehen für das pulsierende Blut und damit für das erwachende Leben im Frühling. In anderen Mythologien entstand die ganze Welt aus einem Ei. Und auch der Hase galt nicht nur bei den Kelten als Fruchtbarkeitssymbol. In China begleitet der Jadehase die Mondgöttin Chang'e, im alten Griechenland gehört er zur Liebesgöttin Aphrodite. Angeblich war er auch das Krafttier der Göttin Ostara. Doch ob die Kelten eine solche Göttin wirklich verehrten oder ob nicht erst der angelsächsische Beda Venerabilis im achten Jahrhundert nach Christus die Ostara erfunden hat, ist nicht sicher. Beltane
zum 5. Vollmond nach Yule, etwa Anfang Mai
Eines der wichtigsten Jahreskreisfeste bei den Kelten fand nach unserem Kalender in etwa Anfang Mai statt. Wie zentral dieses Fest für unsere Vorfahren war, zeigen historische Ringheiligtümer wie das in Goseck in Sachsen-Anhalt. In der Mitte dieses riesigen, begehbaren Kalenders stehend, siehst du die Markierungen am Horizont, wo die Sonne jeweils zu den Sonnenwenden auf- und untergeht – und daneben noch eine weitere deutliche Markierung. Sie ist genau dort im Ringkreis, wo die Sonne in der Nacht zum 1. Mai untergeht. War Beltane vielleicht doch nicht an den 5. Vollmond nach der Wintersonnwende gekoppelt? Oder vielleicht nicht nur? Jedenfalls feierten die Kelten mit Beltane den Beginn des Sommers. Das Fest war dem keltischen Sonnengott Bel geweiht, dem „hellen Feuer“. Ein Symbol für die Hochzeit von Himmel und Erde, die an diesem Tag stattfindet, ist der Maibaum als Phallus, um den sich ein Kranz mit bunten Bändern windet, symbolisch für die Vulva. Litha
zur Sommersonnwende um den 21./22. Juni
Litha gehört im keltischen Jahresrad zu den vier Sonnenfesten. In unserer Kultur markiert die Sommersonnenwende den Beginn des Sommers. Bei den Kelten allerdings, die nur zwei Jahreszeiten kannten (Sommer und Winter), begann der Sommer schon mit Beltane. Sonnenkräuter wie das Johanniskraut oder die Königskerze werden in Kränzen oder Buschen gebunden und geweiht. In den Kräutern soll die ganze Kraft des Sommers für die dunklen Wintertage konserviert werden. Tatsächlich werden die Kräuter in der Volksheilkunde traditionell zur Heilung von Krankheiten verwendet. Kein Wunder also, dass diese Heilkräuter den Kelten "heilig" waren.Lammas bzw. Lughnasadh
nach dem 8. Vollmond nach Yule, etwa Mitte August
Lammas bzw. Lughnasadh ist der Name für das keltische Jahreskreisfest zum Erntemond. Es bezeichnet die Zeit nach dem 8. Vollmond im Jahr, denn geerntet wird traditionell erst bei abnehmendem Mond. Um diese Zeit feierten die Kelten das Fest der Schnitterin. Sie ist die Göttin, die über den perfekten Zeitpunkt bestimmt, wann das Getreide geschnitten und die Ernte eingefahren wird. Ist der Startschuss gefallen, heißt es arbeiten auf Hochtouren, um die Ernte vor dem nächsten Gewitter ins Trockene zu bringen. Mabon
zur Herbst-Tagundnachtgleiche um den 23. September
Mabon gehört zu den vier Sonnenfesten im keltischen Kalender. Das Datum des Festes, die Herbst-Tagundnachtgleiche markiert in der westlichen Kultur den Beginn des Herbstes: eine Zeit des Übergangs, in der man sich heute wie einst auf die dunkle Jahreszeit vorbereitet. Die Früchte des Sommers werden eingekocht, konserviert oder vergoren. Noch heute feiern wir um diese Zeit Erntedank und danken an diesem Tag Mutter Erde für die Fülle der Gaben. Das Gleichgewicht, das in dieser Zeit herrscht und die Natur so herrlich bunt und das Wetter angenehm lau macht, ist fragil. Denn die Sonnenbahn sinkt dieser Tage so rasant wie sonst nie im Jahr.Samhain
am 11. Neumond nach Yule
Samhain ist das Ahnenfest der Kelten, wo man der Toten gedachte und zugleich das neue Leben feierte, das nun inform von Samenkörnern unter der Erde ruhte - bereit, im Frühling zu keimen und für neues Leben zu sorgen. Daraus ist im Christentum Allerheiligen und der Beginn des Bauernwinters geworden. Doch Samhain ist mehr als nur ein Totengedenken. Es ist der Beginn eines neuen Zyklus, der sich tief in der Erde vollzieht. Für alles Leben oberhalb beginnt nun das keltische Winterhalbjahr, die dunkle Jahreszeit. Die Gemeinschaft ist das, was nun zählt. Einst konnte ein Einzelner allein die harte Winterzeit nur unter erschwerten Bedingungen überleben. In der Gruppe übernahm jede und jeder eine von den vielen anstehenden Aufgaben und war somit wichtig für die Sippschaft. Man war abhängig voneinander, und weil man das wusste, wertschätzte man einander. Das Spannende an der keltischen Zeitrechnung: Ihr Tag begann mit dem Abend, mit der schwindenden Kraft der Sonne. Das Sterben, der Tod war für sie die selbstverständliche Voraussetzung für das neue Leben. Nicht wie in unserer westlichen Kultur ein lästiges Übel, das man mit allen Mitteln auszumerzen versucht.

