Wie wirkt der Mond auf uns Menschen? Zwischen Mythos und Wissenschaft

Warum glauben viele Menschen an den Einfluss des Mondes?
Ist es wirklich der Mond, der wirkt? Oder glauben wir bloß, dass er wirkt? Oder ist es vielmehr etwas Mond-Ähnliches in uns, das im Rhythmus der Mondphasen schwingt? Ich glaube, dass der Mond selbst einen immer geringeren Einfluss auf uns hat. Bei all den künstlichen Lichtreizen und dem Elektrosmog um uns herum ... Wie sollten unsere Sinne da noch sensibel auf den Mond reagieren können? Ich glaube, die Taktung nach den Mondphasen ist etwas tief in uns drin. Ein Erbe aus vergangenen Zeiten, das immer mehr verstaubt, das aber einen großen Wert hat. Etwas, das uns helfen könnte, aus dieser Sackgasse des Höher-Schneller-Weiter herauszukommen ... Etwas, das uns viel mehr hilft als ein Mond-Ratgeber, der dir sagt, was du zu welcher Mondphase machen musst.
Mondphasen als natürlicher Lebensrhythmus
Stell dir vor, du würdest Tag und Nacht powern und arbeiten, ohne Pause! Da fehlt irgendwann die Erholung. Und selbst wenn du täglich zwischen 23 und 6 Uhr Pause machst und dich zumindest an die Tag-Nacht-Rhythmik hältst, fehlt deinem Körper nach wenigen Wochen die Erholung. Wir Frauen haben unseren Menstruationszyklus – unser Körper erinnert uns daran, wie notwendig regelmäßige Ruhetage sind. Viele Frauen powern trotzdem durch, einfach weil es in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert ist, sich während der Regelblutung mal ein, zwei Tage auszuruhen. Männer haben keine Periode, die ihnen zeigt: „Mach heute mal langsamer!“ Trotzdem täte es auch den Männern gut, wenn sie regelmäßige „Mach-mal-langsamer-Tage“ einplanen würden.
Was die Wissenschaft über Mond und Menstruationszyklus sagt
Denn – und jetzt kommt es: Der Mond ist nicht nur weiblich! Das Thema Fortpflanzung ist nicht nur weiblich! Warum hätte die Natur es so einrichten sollen, dass die Frauen alle vier Wochen im Takt der Mondphasen besonders fruchtbar sind, wenn eigentlich IMMER eine gute Gelegenheit für die Befruchtung gewesen wäre?
Dass bei uns Menschen die Fortpflanzung allmonatlich zu bestimmten Tagen möglich ist, könnte daran liegen, wie das soziale Leben unserer Vorfahren getaktet war, glaubt Charlotte Förster, Chronobiologin von der Universität Würzburg. Seit Jahren erforscht sie den Zusammenhang zwischen Mondzyklen und Menstruationszyklus. (Das ganze Interview mit ihr findest du hier.) Vor zigtausenden von Jahren hatten die Menschen als einzige große Lichtquelle neben der Sonne den Mond. Rund um Vollmond hat man dieses zusätzliche Licht also ausgenutzt, um Nahrung zu beschaffen: zum Jagen, zum Sammeln von Früchten, Nüssen und Wurzeln. Geschlafen und gekuschelt wurde dann, wenn es ganz dunkel war und zu gefährlich, um draußen durch den Wald zu pirschen. In diesen Phasen kam es viel öfter zur Zeugung von Kindern. Also hat die Evolution es im Jahrtausende langen Zusammenspiel mit der Rhythmik des sozialen Lebens so eingerichtet, dass die fruchtbarste Zeit der Frauen rund um Neumond war.
Nicht rund um Vollmond, genau! Denn da waren die Menschen über zigtausende von Jahren hinweg anderweitig beschäftigt. Vor einigen tausend Jahren, als es die ersten Hochkulturen gab und die Landwirtschaft immer mehr unser Leben dominierte, hat sich vermutlich auch die ideale Fortpflanzungszeit langsam verändert. Rund um Vollmond wurden Feste gefeiert, die Menschen kamen zusammen … und hatten Sex.
Wie künstliches Licht unseren Rhythmus verändert
Seit der Industrialisierung hat das künstliche Licht den Mondeinfluss so weit zurückgedrängt, dass Frauen immer seltener im Takt der Mondphasen menstruieren. Den jüngsten Knick gab es laut Chronobiologin Charlotte Förster im Jahr 2010. In ihren Studien hat sie herausgefunden, "dass die Synchronisation mit dem Mond seit der Einführung von LEDs und der zunehmenden Nutzung von Smartphones und Bildschirmen jeder Art deutlich nachgelassen hat“. Unser Leben wird mittlerweile also mehr von Handy und dem blauen Licht der LEDs getaktet, das die Produktion unseres Schlaf- und Regenerationshormons Melatonin unterdrückt. Natürlich auch noch vom Tag-Nacht-Rhythmus, und in noch geringerem Maße auch von den Jahreszeiten. Aber vom Mond? Zumindest in unserer westlichen Kultur ist sein Einfluss auf die Rhythmik des sozialen Lebens fast gänzlich verloren gegangen. Na gut, Ostern feiern wir am ersten Wochenende nach dem Frühlings-Vollmond. Aber das hat nichts mit der monatlichen Rhythmik zu tun, in der unsere frühen Vorfahren ganz selbstverständlich über zigtausende von Jahren hinweg gelebt haben. Zigtausende von Jahren! Die Sumerer – die erste Hochkultur auf der Erde – lebten vor 5000 Jahren, elektrisches Licht gibt es seit maximal 150 Jahren, und LEDs und Smartphone haben ihren Siegeszug gerade mal vor 15 Jahren begonnen. In der Evolution des Menschen ist das ein Wimpernschlag.
Den Mond wieder bewusst als Orientierung nutzen
Nach wie vor ist der größte Teil unseres Erbgutes auf eine Rhythmik gepolt, die neben Tag-Nacht und den Jahreszeiten auch die Mondzyklen beinhaltet. Die große Sehnsucht danach, dass der Mond uns wieder als Taktgeber dienen möge, ist eigentlich die Sehnsucht nach etwas, was uns entschleunigt – nach einem gesünderen Lebensrhythmus. Allerdings können wir die Zeit nicht zurückdrehen und allen technischen Fortschritt aus unserem Leben verbannen. Wir müssen es anders anstellen: nämlich indem wir den Mondzyklen ganz bewusst wieder mehr Aufmerksamkeit schenken, uns beim Planen von Erholungszeiten nach dem Neumond richten und dann auch konsequent Handy, Computer und LEDs nach Sonnenuntergang ausschalten.
Bild: Caspar David Friedrich "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes" (1819/20)

