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  • AutorenbildDagmar

Die Geschichte der Monduhren

Aktualisiert: 31. Mai 2023

Bei einem interessanten Gespräch am Weibamarkt Bad Aibling erfuhr ich, dass die Mondkugel in unserem Mondrad berühmte, sehr viel größere Vorbilder hat (von denen wir beim Bau des ersten Mondrades übrigens nichts gewusst haben). Eine dieser Monduhren befindet sich gleich bei mir ums Eck, in der Tölzer Marktstraße. Konzipiert hat sie ein gewisser Johann Mannhardt, Uhrmachermeister aus Gmund (später München), der auch die Uhr für die Münchner Frauenkirche baute. Kurz darauf entdeckte ich im Internet noch ganz viele weitere, ältere Monduhren an Rathäusern, Kirchtürmen und in Gotteshäusern vor allem des süddeutschen Raums.


Sie bestehen aus einer zweifarbigen drehbaren Kugel, deren Achse in die Wand eingelassen wurde, oder aus einer flachen Scheibenkombi mit Loch, manche auch nur aus einem Zeiger auf einem Mondphasen-Zifferblatt. Andere besitzen sogar einen Sonnenzeiger und Symbole für die zwölf Tierkreiszeichen. Eines haben jedoch alle Monduhren gemeinsam: die Anzeige der Mondphasen. Sie scheinen für die Bevölkerung damals von zentraler Bedeutung gewesen zu sein.


Die ersten Exemplare dieser Monduhren stammen aus dem 16. Jahrhundert; die Mondkugel an der Nürnberger Frauenkirche, die 1509 fertiggestellt wurde, dürfte mit die älteste dieser Art sein. Doch warum integrierte man im Mittelalter so häufig Monduhren in die Fassaden öffentlicher Gebäude? Reichte es den Menschen damals nicht, die Tageszeit an den riesigen Uhren an Kirchtürmen und Rathäusern ablesen zu können?


Offenbar nicht. Damals hatte noch keiner eine Armbanduhr ums Handgelenk, einen Wecker zuhause am Nachttisch oder gar ein Smartphone mit allerlei Apps und einem Kalender drauf im Hosensack. Die Glocken der Kirchturmuhren läuteten die Arbeit und die Mittagspause ein, genauso wie den Feierabend. Am Sonnenstand konnte man zudem abschätzen, wie spät es war. Doch woher wusste man, welches Datum gerade herrschte?


Mitte des 15. Jahrhunderts zählten Kalender zu den ersten deutschsprachigen Druckerzeugnissen überhaupt. Es gab Aderlasskalender und Planetenkalender, und natürlich die Kalender, deren Tage nach Heiligen anstatt nach Monaten benannt waren. Der Namenstag-Kalender ist vermutlich ein Relikt davon. Allerdings gab es sie nicht wie heutzutage an jeder Straßenecke zu kaufen; solche Kalender wurden meist nur für bestimmte Gruppen mit höherer Bildung gemacht, darunter vor allem für Klöster. Nonnen, Mönche und die Wenigen aus der bürgerlichen Oberschicht mit Schulbildung waren damals die Einzigen, die lesen konnten.


Die zweifarbige Mondkugel im Mondrad
Die zweifarbige Mondkugel im Mondrad

Um sich an einem bestimmten Tag in der nahen Zukunft verabreden zu können, brauchte man als Normalbürger also irgendwelche Anhaltspunkte jenseits der gedruckten Kalender. Und da war man wohl bis ins späte Mittelalter auf den Mond angewiesen. Nicht umsonst orientiert sich der christliche Festtagskalender in der ersten Jahreshälfte ausschließlich am Mond: Ostern ist das zentrale Datum (am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche), von dem aus 40 Tage zurückgerechnet wird zum Aschermittwoch und dem damit verbundenen Faschingsfest. 50 Tage nach dem Osterfest findet dann das Pfingstfest statt.



Der Mond war für das gemeine Volk der einzige Anhaltspunkt, um einen Monat zu messen und dementsprechend planen oder Absprachen mit anderen Menschen treffen zu können. Die Mondphasen waren da sicher von zentraler Bedeutung. Doch wer genau hinschaute – und das waren vor allem die auf die Jahreszeiten angewiesenen Bauern – der wusste auch die auf- und absteigende Mondbahn für die Zeitmessung zu nutzen: Beispielsweise ist der Vollmond mit der höchsten Bahn im Jahr (Zeichen Krebs) derjenige um die Wintersonnwende. Der Vollmond mit der tiefsten Bahn im Jahr (im Zeichen Steinbock) ist derjenige um die Sommersonnwende. Und wenn der zunehmende Halbmond seine höchste Bahn zieht, kann das nur rund um die Frühlings-Tagundnachtgleiche sein, während der abnehmende Halbmond zur Herbst-Tagundnachtgleiche seine höchste Bahn über den Himmel zieht.


Klar, mit Swatch und Handy ist heute keiner mehr auf Kirchturmuhren angewiesen, geschweige denn auf eine Kalenderzählung nach dem Mond. Doch wer sich gerne unabhängiger von der digitalen Welt mit ihrem schnell getakteten Rhythmus machen würde, dem nutzt das Wissen um die Mondzyklen sehr viel. Das Mondrad ist das perfekte Instrument dazu, das ohne technischen Schnickschnack rein mechanisch funktioniert: Dann kann man die kleine, ganz persönliche Variante von den großen Monduhren an Kathedralen und Rathäusern jederzeit in den eigenen vier Wänden betrachten.


Weitere Monduhren mit Kugel: Amberg | Hannover (Münden) | Kaufbeuren | Kirchheim/Teck | Markgröningen | Mindelheim | Nürnberg | Sigmaringen


mit Mondscheibe: Bad Biesingen | Heilbronn | Schwäbisch Hall | Görlitz (Sakristei der Kirche St. Peter und Paul) | St. Georgen | Stuttgart | Ochsenfurt (Neues Rathaus Lanzentürmchen) | Weißenfels | Plauen | Lübeck (Dom) | Bad Schmiedeberg | Marburg | Rostock (Marienkirche) | Esslingen


FOTOS: Monduhr am Giebel des alten Rathauses in Tölz, am Fronwagturm in Schaffhausen, an der Nürnberger Frauenkirche, am Tübinger Rathaus und am Lanzentürmchen in Ochsenfurt

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